Alternative Literatur zur Fotografie

„DSLR-Digital-Fotopraxis-Photoshop-Pro-Spiegelreflex-News“ Der Markt ist mehr als gesättigt mit Magazinen, welche dem unbedarften Leser, meist Foto-Einsteiger oder sogenannter „ambitionierter Amateur“ (was auch immer das ist), versprechen, ihn in die schillernde Zauberwelt der Fotografie einzuführen. In Wirklichkeit bedienen diese Blätter nicht den kreativen Bildermacher, den Fotografen, sondern den Konsumenten.
90% dieser Blätter dienen ausschließlich der Befriedigung der Konsumbedürfnisse unbedarfter Anfänger, welchen, kaum mit der Fotografie in Berührung gekommen, glauben gemacht wird, man könnte gute Bilder „erkaufen“. Die richtige Ausrüstung, DSLR, 10 Objektive, Blitz, diverses Makrodingenskirchens, Shiften, Tilten, Lensbabies, ein bisschen Docma lesen und TADA: schon hat man tolle Fotos. Resultat sind die immer gleichen „Strobo-Langzeit-HDRI-Makro-Highspeed-Lowkey-Bilder“ wie man sie aus den gängigen Zines und Foto-Netzforen kennt. Die Produktion solcher Fotos bedarf einer Menge teurer Technik. Und umso mehr Leute solche Bilder machen, umso mehr teure Technik können die Firmen an den Mann bringen und umso mehr Magazine mit den ewig gleichen Inhalten, Testcharts und „Workshops“ erobern den Markt – hier schließt sich dann der Kreis welcher sich fortan selber nährt. Resultat ist die unglaubliche Masse vollkommen inhaltsloser, gefälliger Bilder wie sie das Internet seit Jahren überflutet. Scheinbar reicht es schon ein Bild möglichst gut zu gestalten um zu überzeugen. Über den Inhalt muss dann nicht mehr gesprochen werden.
Im Folgenden möchte ich gerne einen knappen literarischen Gegenentwurf zu den Millionen Workshops im Netz und in den Printmedien machen. Ich denke das die Lektüre der folgenden Bücher den Leser eher mit dem Wesen der Fotografie, ihren medialen Möglichkeiten und Grenzen konfrontiert und dadurch einen kritischen inhaltlichen Diskurs anregt. Sie sind übrigens im Grund gar keine Alternativen, sondern mehr oder weniger Pflichtlektüre im Fotografiestudium.
Ich höre schon die Ersten rufen: Fotografieren geht doch aber nicht ohne die Technik. Richtig! An dieser Stelle verweise ich knapp auf vier Bücher, die wohl die meisten kennen. Einerseits ist dies Andreas Feiningers “Grosse Fotolehre” – mehr muss niemand wissen um Fotografieren zu können - und andererseits das dreibändige Werk Ansel Adams’ – Kamera, Positiv, Negativ – für ein tieferes Verständnis des fotografischen Prozesses und der Praxis im Umgang mit Film. Meines Erachtens erfordert die Beherrschung der digitalen Technik keine signifikanten weiteren Kenntnisse gegenüber der analogen.
Eine grundlegende Kenntnis der Geschichte der Fotografie sollte sich jeder Fotograf, so er sich denn zu den „Ambitionierten“ zählt, aneignen. Das wohl interessanteste Werk hierzu ist Michel Frizots „Neue Geschichte der Fotografie“. Zugegeben: das Buch ist ein mächtiger Schinken, welchen man aber auch, von akuten Fragen und Interessen geleitet, quer lesen kann.
Wolfgang Kemps „Theorie der Fotografie“ ist eines der gehaltvollsten und mannigfaltigsten Nachschlagewerke zur Fototheorie. Vier Bände, prall gefüllt mit Essays der Theoretiker und Praktiker ihrer Zeit, von 1839 bis 1995, regen immer wieder zum Nachdenken über die Beschaffenheit des fotografischen Bildes aus häufig sehr unerwarteten Blickwinkeln ein. Ein Muss ist sicherlich Roland Barthes „Die helle Kammer“. Über Susan Sonntag kann man streiten, schaden kann die Lektüre ihrer Texte nicht. Über das Werk „Zen in der Kunst des Bogenschiessens“ und seine „fotospezifische Lesart“ habe ich an vergangener Stelle schon geschrieben.
Neben diesen Büchern ist die Fotonews ein sehr hochwertiges Magazin. Sie erscheint quartalsweise und informiert über Ausstellungen und interessante neue Positionen des internationalen Fotokunstmarktes. Ausstellungsbesuche und die Lektüre von Fotobüchern, also die unmittelbare kritische Auseinandersetzung mit fotografischen Arbeiten, sei an dieser Stelle dringend empfohlen.
Die Auswahl an Texten erhebt weiß Gott keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die genannten Werke sind jedoch besonders reich an unterschiedlichsten Positionen gegenüber dem Medium, regen zur fortführenden Auseinandersetzung an und sind deshalb meines Erachtens besonders geeignet, um einen ersten Einblick in das Wesentliche der Fotografie zu gewähren. Abschließend sei noch bemerkt, dass man gute Bilder nicht nur nicht erkaufen, sondern auch nicht herbeilesen kann. Die Lektüre der an dieser Stelle genannten Texte soll lediglich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium und seinen Bildern anregen. Gute Bilder entstehen erst in der Auseinandersetzung mit der Welt. Daher beende ich diesen Artikel mit einem Zitat eines mir nicht bekannten Autors:
Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das wird die rechte Form dem Geiste geben.
Viel Spaß beim Fotografieren.
Foto: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41mMFptBhHL._SL500_AA300_.jpg
Details dieses Beitrags:
- Veröffentlicht am: 11. November 2010
- Autor: Nico
- Kategorie: Fotografie
- Tags: Fachbuch, Fachliteratur, Fotografie, Lektüre
- Kommentare: 5 Kommentare
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Das Erfolgsgeheimnis dieser vielen Fotomagazine mit Schwerpunkt Technik, liegt sicher auch daran, dass die meisten Hobbyfotografen eben bei weitem nicht so ambitioniert sind, wie sie glauben. Vielen – wie mir auch selbst – macht der Umgang mit der Technik einfach Spaß. Dazu gehört auch, die Technik zu verstehen. Dass man sich dann im Laufe der Zeit eine Ausrüstung im Wert von vierstelligen Eurobeträgen anschafft, macht zwar keinen Sinn, aber was soll’s.
Fotoausstellungen werde ich wohl keine mehr besuchen, weil die dort ausgestellten Werke meinem Leihenanspruch einfach nicht gerecht werden. 120 Fotos von Garagen in US-Amerikanischen Vororten mögen ja bei Kritikern Beifall finden, ich kann damit nichts anfangen.
Ich kann verstehen, dass der gelernte bzw. studierte Fotograf dem Foto-Mainstream-Geschmack nichts abgewinnen kann. Die Masse hatte noch nie einen guten Geschmack. Die Musikcharts beweisen das immer wieder auf’s Neue. :)
Übrigens muss ich mich als picspack-Fotografie-Blog-Herausgeber schuldig bekennen, dass ich genau die Hardware-Fetischisten – wie ich selbst einer bin – bediene. Ich stehe dazu, danke dir aber, dass du uns daran erinnerst, dass es in der Fotografie um mehr als die Ausrüstung gehen sollte.
Herauszufinden, dass man mit 120 Fotos von Garagen in US-Amerikanischen Vororten nix anfangen kann, ist doch aber schon eine wichtige Erkenntnis aus der Auseinandersetzung. Dazu muss man aber erst mal in die Galerie oder den Ausstellungsraum gehen. Eben nicht auf die angesprochenen Kritiker zu hören, sondern eine fundierte eigene kritische Haltung gegenüber fotografischen Bildern und Bildern im allgemeinen zu entwickeln ist doch, zumindest sehe ich das so, Ziel einer Intensiveren, und vor allem vielschichtigen und unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit der Fotografie. Dazu muss man sich aber in erster Linie mit Bildern auseinandersetzen und nicht mit Kameras. Dann kann man getrost auch mal Scheiße finden, was die Kritiker gerade so hypen.
Gruss, Nico
Hmm, na ja, man kann alles als interessante Erfahrung verbuchen, wenn man denn unbedingt will. Ich fand aber eher, dass mich die 120 Garagen nur unnötig Zeit und Geld gekostet haben.
Vielen Dank für den wundervollen Artikel, das buch von Michel Frizots „Neue Geschichte der Fotografie“ kannte ich bisher nicht. Kommt auf den Wunschzettel :)
zu der ausstellungs Geschichte…
Ich schaue mir öfter Ausstellungen an, in Berlin gibt es auch mehr als genug davon. Bei einigen habe ich mich auch schon darüber geärgert das ich dafür Geld ausgegeben habe, das liegt aber nicht immer an den Arbeiten des Künstlers, sondern auch an der Ausstellung ansich oder an meier eigenen Tagesform. Verzichten würde ich dennoch nie darauf. Ich selbst nehme die Arbeiten viel genauer wahr und setz mich, wie nico schon sagte, mit den Bilder auseinander. Am Bildschirm oder in einer Zeitschrift gelingt mir das weniger.
[...] aber ich hier musste ich an vielen Stellen nickend zustimmen – bei dem Artikel von Nico zu alternativer Literatur zur [...]