Ein beunruhigender Fund (Teil 2)

Fotoquelle

Insgesamt waren es nur fünf Bilder, aber jedes war erstens stechend scharf und in optimalem Zoom aufgenommen und zeigte zweitens ganz genau, was gerade passierte. Auf dem ersten Bild griff ein maskierter, etwas größerer Mann in seine Jackentasche, auf dem zweiten sah man ihn mit einem kleinen Messer auf den anderen zugehen und diesen die Hände beschwichtigend nach oben halten. Das dritte Bild war so schrecklich, dass ich es nur einmal ansehen konnte, denn es zeigte, wie der Mörder auf sein Opfer einstach und dieses sich krümmte. Die anderen beiden zeigten ihn auf dem Boden liegend. Mehrere Minuten saß ich fassungslos im Gras und hielt die Kamera immer noch zitternd in der Hand. Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühlte, so etwas muss man einfach selbst erlebt haben.

Derjenige, der diese Bilder geschossen hatte, musste das Geschehen schon einige Zeit beobachtet und von einem sicheren Punkt aus die Lichtung fotografiert haben. Vermutlich wurde er entdeckt oder versuchte eventuell sogar zu helfen und wurde gezwungen die Kamera liegen zu lassen. Ich wollte mir nicht ausmalen, was mit ihm geschehen war. Hätte der Mörder ihn tatsächlich entdeckt, wäre es nicht gut um ihn gestanden.

Plötzlich rissen mich zwei Stimmen aus meinen Gedanken. Augenblicklich sprang ich auf und stolperte einige Schritte nach hinten. Es warf mich rückwärts um und ich fiel ins Gras. Nie zuvor hatte ich solche Angst in meinem Leben, wie in diesem Moment. Die Sekunden in denen die beiden Männer auf mich zukamen, fühlten sich an wie Stunden und der Schweiß lief mir in die Augen und brannte. Alles schien leicht verschwommen und ich war mir sicher jetzt sterben zu müssen. Doch ich war wie gelähmt und konnte mich nicht rühren. Mir wurde für einige Sekunden schwarz vor Augen und ich legte mich um. Doch die beiden lachten und  nichts geschah, bis einer nach meinem Arm griff. Aber er schien mich nicht verletzen zu wollen, sondern half mir aufzustehen.

„Geht es ihnen gut?“

Ich nickte und bedankte mich. Wie unglaublich groß die Erleichterung war, dass ich scheinbar außer Gefahr war, lässt sich ebenfalls kaum beschreiben.

„Das hier ist unsere Kamera, wir haben sie vorhin verloren.“, sagte der eine. Plötzlich sah ich, dass es sich um den jungen Mann von den Fotos handelte. Ich konnte meinen Augen kaum trauen und trat erneut einen Schritt zurück.
„Leider haben wir nicht viel Zeit, wir müssen weiter machen. Wir drehen einen kleinen Film und unser Chef erwartet das Storyboard heute Abend. Vielen Dank, dass Sie die Kamera gefunden haben.“

So liefen der Mörder und sein Opfer davon und mir wurde einmal wieder klar, was für eine unglaublich überzeugende Wirklichkeit Fotos erschaffen können. Und ich freute mich zum ersten Mal an diesem Tag.

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Über David.E

David.E, freischaffender Künstler, Autor, Fotograf. Ein Mann mit vielen Gesichtern und wenig Perspektive, mit viel Willenskraft und wenig Euphorie, mit vielen Träumen, aber keinem Glauben. Einer der sich ohne Fäuste durchboxt und mit der Wucht eines Wasserfalls in die Tiefe stürzt, um dann als Dunst wieder empor zu steigen. Ein Mann von Welt.