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Ein beunruhigender Fund (Teil 1)

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An jenem Dienstagnachmittag war es für einen gewöhnlichen Wintermorgen wirklich sehr warm. Man hatte den Eindruck, der Frühling warte förmlich darauf, den Winter endlich verdrängen zu dürfen und kitzle deshalb den verbleibenden Schnee mit unermüdlichen Sonnenstrahlen. Sollte das Wetter so bleiben, würden auch die letzten Schneehaufen am Wegesrand in den nächsten Tagen schmelzen. Obwohl es hier im Wald, unter den Wipfeln der Tannen und Birken selbst im Sommer noch ein wenig kühl war, fühlte es sich jetzt schon unglaublich gut an, wenn alle paar Meter ein Sonnenstrahl mein Gesicht kreuzte. Ich lief meine übliche Route von etwa sieben Kilometern, die mir nachmittags die nötige Entspannung gab, die ich für meinen Job brauchte, für den ich abends meistens noch einige Stunden im Büro verbringen musste. Doch dieses Mal lief alles ein wenig anders als sonst.

Ich hatte etwas mehr als die Hälfte der Strecke geschafft, als ich rechts von mir, in der Nähe einer Lichtung, etwas silbrig glänzendes im Gras liegen sah. Auf den ersten flüchtigen Blick hätte es ein Kaugummipapier oder ähnlicher Abfall sein können. Doch es leuchtete mich so intensiv an, dass ich es mir aus der Nähe anschauen musste. Immer wenn ich solche glänzenden Sachen auf dem Boden sehe, überkommt mich augenblicklich dieser Schatzsucherinstinkt und ich bilde mir ein, es könnte ja ein wertvolles Stück Edelmetall oder so sein. Das war es leider nie gewesen, außer dieses eine Mal. Zwar sah ich schon beim Näherkommen, dass es sich wohl nicht um Silber handeln würde, dafür aber um eine recht ordentliche Digitalkamera. Ich hob sie aus dem feuchten Gras auf und las auf der Oberseite, dass es sich um eine Canon Ixus 1100HS mit 12 Megapixeln handelte, die, so gut ich mich erinnerte, in der letzten Ausgabe meines Fotomagazins ziemlich gut bewertet wurde. Auch dem äußeren Anschein nach war sie recht neu, hatte keine groben Macken und war nur ein wenig mit Erde befleckt. Einerseits hoffte ich um ehrlich zu sein darauf, dass kein Foto den Besitzer identifizieren könne, um die Kamera zumindest vorübergehend einmal behalten und testen zu können, andererseits war ich gespannt, wer oder was mich auf den Bildern wohl erwarten würde.

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Doch als ich die Kamera anschaltete und den Betrachtungsmodus wählte, schnürte es mir den Hals zu. Ich lies sie sofort fallen und drehte mich intuitiv um. Keiner hinter mir. Ich blickte zum Weg und dann einmal um mich herum. Es war kein Mensch zu sehen, die Vögel zwitscherten ihr fröhliches Lied und die Sonne strahlte unbeirrt auf die Lichtung. Ich spürte, wie ich augenblicklich anfing noch stärker zu schwitzen, als ich es beim Joggen schon getan hatte und mein Herz so schnell pulsierte, dass ich es hören konnte. Zögernd bückte ich mich erneut und drehte die Kamera, die mit dem Display nach unten gelandet war um. Mit dem Ärmel meiner Sweatjacke wischte ich die Tropfen ab und starrte auf das zuletzt geschossene Bild: Mitten auf der Lichtung lag ein etwa achtzehnjähriger junger Mann, dessen weißes Shirt blutgetränkt war. Seine Augen standen offen und starrten leblos auf einen imaginären Punkt. Aus seinem Mundwinkel lief ebenfalls Blut. Gefühlte fünf Minuten hielt ich die Kamera zitternd in der Hand und blickte nervös um mich, spann mir im Kopf aus, ob ich sofort die Polizei rufen oder wegrennen sollte.

Irgendwann besann ich mich und konnte mich überwinden auch die anderen Bilder zu betrachten. Das vorherige Bild zeigte den jungen Mann aus einer anderen Position. Er lag schon auf dem Boden und blutete stark, stützte sich jedoch mit einem Ellenbogen noch ab und schien jemanden entsetzt anzustarren. Das Bild schien ein Stück von weiter links aufgenommen worden zu sein, aber der Fotograf musste in etwa einige Meter vor meiner momentanen Position gestanden und das Geschehen aus der Ferne dokumentiert haben. Ich betrachtete die ganze Bildserie und wurde Zeuge eines Mordes, wie er im Buche stand. Oder man ihn abends im Fernsehen sehen konnte. Nur, dass diese Bilder real waren und ich vermutlich einer der ersten war, der sie sah. Ich war ein Zeuge. Vielleicht sogar der einzige.

Fortsetzung folgt…

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Über David.E

David.E, freischaffender Künstler, Autor, Fotograf. Ein Mann mit vielen Gesichtern und wenig Perspektive, mit viel Willenskraft und wenig Euphorie, mit vielen Träumen, aber keinem Glauben. Einer der sich ohne Fäuste durchboxt und mit der Wucht eines Wasserfalls in die Tiefe stürzt, um dann als Dunst wieder empor zu steigen. Ein Mann von Welt.

Ein Gedanke zu „Ein beunruhigender Fund (Teil 1)

  1. Dario

    Toll geschrieben, ich ging richtig mit und wartete auf die nicht kommende Auflösung. Filmset, Kunstinszenierung, Aprilscherz, real Life, …
    Man könnte es je nach Ausgang als “Fotoroman” bezeichnen :)
    Bin gespannt auf die Fortsetzung.

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