Jeff Wall: Fotos nach Vorbildern aus der Kunstgeschichte

Der Kanadier Jeff Wall (* 1946) ist einer der bekanntesten Fotokünstler der Gegenwart. Seine Bilder werden in Museen in der ganzen Welt gezeigt. Walls Arbeitsweise ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Literatur, Film, Theater und Malerei. Dabei spielt es eine große Rolle, dass er an der University of British Columbia ein Studium der Kunstgeschichte absolviert hat.

Jeff Wall ist berühmt geworden mit großen Fotografien, die in Leuchtkästen präsentiert werden. Fast immer handelt es sich um Einzelwerke, die sorgsam ausgearbeitet worden sind. Überhaupt entspricht seine Arbeitsweise eher der eines klassischen Malers als eines modernen Fotografen. Die meisten Bilder sind bis ins letzte Detail inszeniert, auch wenn sie manchmal wie ein Schnappschuss wirken.

Katsushika Hokusai, Ejiri in Suruga Province (Sunshu Ejiri), ca. 1831

Katsushika Hokusai, Ejiri in Suruga Province (Sunshu Ejiri), ca. 1831

Jeff Wall - A Sudden Gust of Wind (After Hokusai), 1993

Jeff Wall - A Sudden Gust of Wind (After Hokusai), 1993

Wie Jeff Wall die Kunstgeschichte in seine Bilder einfließen lässt, zeigen die beiden oberen Bilder sehr deutlich. Bei der Vorlage handelt es sich um einen Holzschnitt des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1760-1849). Das Original zeigt eine Szene, in der ein plötzlicher Windstoß einigen Menschen zu schaffen macht. Jeff Wall hat dieses Thema aufgegriffen und daraus ein Foto gemacht.

Der erste Blick verrät, dass Hokusais Bild als Vorlage diente. Besonders der dürre Baum auf der linken Seite dient als charakteristische Verbindung. Aber auch die Blätter, die vom Wind davon getragen werden, stellen eine Gemeinsamkeit dar. Doch bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass viele Elemente der Vorlage fehlen bzw. neue Elemente hinzugekommen sind. Es handelt sich also mitnichten um den Versuch einer Kopie.

Ein anderes Beispiel zeigt den Künstler selbst, wie er nackt auf einem roten Sofa liegt. Diese Pose hat viele Vorbilder in der Kunst. Die „Olympia“ von Manet war die direkte Vorlage für diese Fotografie. Doch es gibt auch Gemälde mit diesem Sujet von Goya, Tizian und vielen anderen Künstlern. 

Jeff Wall - Stereo, 1982

Jeff Wall - Stereo, 1982

Edouard Manet - Olympia, 1863

Edouard Manet - Olympia, 1863

Der größte Unterschied der beiden Darstellungen ist offensicht das Geschlecht der Hauptperson. Olympia ist eine Frau, die elegant auf einem Bett drapiert ist. In Wahrheit handelte es sich übrigens um eine Prostituierte. Dies löste damals einen kleinen Skandal aus. Doch es gibt noch andere Unterschiede. Die Haltung der beiden ist zwar ähnlich, weicht aber in vielen Details voneinander ab. So bedeckt die Olympia sorgsam ihr primäres Geschlechtsorgan, während Jeff Wall komplett entblößt ist. Eine wichtige Gemeinsamkeit der Bilder ist der dunkle Hintergrund, der einen Kontrast zum Motiv bildet.

Jeff Walls Bilder sind aufgrund der vielen Anspielungen, die in ihnen enthalten sind, gerade bei Kunsthistorikern sehr beliebt. Auch für Hobbyfotografen ist seine Methode durchaus interessant. Es schadet nicht, wenn man sich als Fotograf mit alten Meistern auseinandersetzt. Dabei kann der aufmerksame Betrachter z.B. viel lernen über Bildkompositionen und den Einsatz von Farben. Und vielleicht entstehen auf diese Weise ein paar tolle Fotografien.

Bildnachweis:
[1] http://inogufabrics.com/blog/wp-content/uploads/2010/05/JeffWall_hokusai_suddengustofwind.jpg
[2] http://www.myfreewallpapers.net/artistic/pages/hokusai-a-sudden-gust-of-wind.shtml
[3] http://courses.washington.edu/hypertxt/cgi-bin/book/viewer/jeffoly2_400.jpg
[4] http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6a/Manet%2C_Edouard_-_Olympia%2C_1863.jpg

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